Im Karneval sind alle gleich...

Wie feiern die Jecken in Köln und Düsseldorf?

Wer sich mit dem Karneval in Köln und Düsseldorf und seiner Geschichte einmal näher beschäftigt, wird sofort mit der altbekannten Feindseligkeit konfrontiert. Sucht man in der Kölner Stadtbibliothek nach Literatur über karnevalistische Sitten und Gebräuche in den beiden Städten, so ist folgendes Szenario nicht ungewöhnlich: eine Bibliothekarin mittleren Alters, bebrillt und mit Seitenscheitel im brünetten Haar, hilft zunächst freundlich weiter, geht zielstrebig in die Geschichtsecke, bückt sich und zückt ein Buch nach dem anderen hervor: Der Kölsche Karnevalsknigge, Karneval in Köln, Das Kölner Karnevalsmuseum, Jeck in Kölle. Auf die Frage, ob sie auch Bücher über Düsseldorf habe, schaut sie hoch, verzieht ihr Gesicht und entgegnet – als wäre das selbstverständlich: „Nein, natürlich nicht“. Mit gekreuzten Zeigefingern, spöttischen grinsend fügt sie hinzu: „Die bekommen Sie nur in Düsseldorf.“


Zum Glück gibt es das multikulturelle, völkerverbindende Internet, wo sich dann doch noch einiges zum Karneval, selbst dem Düsseldorf, finden lässt.

Narrenrufe oder Worüm rufen die dat?

Für die beiden wohl bekanntesten rheinischen Narrenrufe gibt es eine Vielzahl von Deutungsversuchen: Alaaf steht dabei für „all af“, also „alles andere ab“. Im Sinne von Kölle Alaaf meint es „Köln voran“ oder „Köln über alles“. Schon 1550 fand man den Ausruf in einen Bartmannkrug eingeritzt, 1635 beendete Graf Metternich einen Brief mit einem Alaaf. Das Helau ist nicht nur in Düsseldorf als Narrenruf bekannt. Unklar ist, ob es eine veränderte Form des Hallo ist, oder ob es von den Hirten überliefert wurde, die ihre Ziegen mit einem Laut, ähnlich dem Helau, zusammengetrieben haben sollen – welch unschöner Vergleich. Außerdem ist auch noch eine Kunstform des Wortes „Hallelujah“ denkbar. Die schönste aller Herkunftsgeschichten ist jedoch mit Abstand folgende: 1259 erlangt Köln das so genannte Stapelrecht: jedes Schiff, das Köln passiert, muss seine Waren drei Tage lang den Kölner Bürgern zu einem Vorzugspreis anbieten, der Rest darf anschließend weiterverschifft werden. Dieses Privileg ist den Handelsschiffern natürlich ein Dorn im Auge, so dass im Jahre 1285 ein Mainzer Kaufmann mit zwölf bewaffneten Rittern an Bord folgendes verkündet: „Ich vil he lau fahrn“ (Ich will hier ohne weiteres durchfahren). Daraufhin die Kölner: „Al aaflade, ihr sollt al aaflade" - also: alles abladen. Es endet in einer gewalttätigen Auseinandersetzung. Der Kaufmann segelt schwer verletzt noch fünfzig Kilometer rheinabwärts, bis er an einem kleinen Dorf vor Anker gehen und sich behandeln lassen muss. Seine Ladung wird hier zum Grundstock einer neuen Stadt: Düsseldorf. Zum Gedenken an diese Auseinandersetzung ruft man in Mainz noch heute „Helau“, und die Kölner kontern mit „Alaaf“. Die Düsseldorfer übernehmen – in Gedenken an ihren Gönner – den Mainzer Karnevalsgruß, so dass Köln bis auf den heutigen Tag von Helau-Rufern eingekesselt ist.

Narrenfiguren oder Wem sing Schuld wor dat?

Helau oder Alaaf? Foto: Rike

Man mag es kaum glauben, doch die beiden Städte haben auch etwas gemeinsam: eine Narrenfigur. Wie auch im übrigen Rheinland verkörpert diese den Sündenbock im Karneval. Am Karnevalsdienstag um 24 Uhr wird die Figur dann zu Grabe getragen oder verbrannt. Doch der lieben Feindseligkeit wegen konnte man sich in Köln und Düsseldorf leider nicht auf einen gemeinsame Narrenkopp einigen: So erwacht in Düsseldorf am 11.11. der Hoppeditz, ein Nachfahre des Hofnarren. Hoppeditz leitet sich von den rheinischen Begriffen „hoppe“ = hüpfen und „Ditz“ = Kind, Knirps, also hüpfendes Kind oder besser Kindskopf ab. Der Hoppeditz eröffnet traditionell den Karneval auf dem Jan-Wellem-Denkmal mit einer feierlichen Karnevalseröffnungsrede. Verkörpert wird der Hoppeditz von einem renommierten Düsseldorfer Karnevallisten. Seit 2008 steht ein Hoppeditz-Denkmal am Haus des Karnevals in Düsseldorf. In Köln wird am 11.11. der Nubbel zum Auftakt der Karnevalssession an den Kneipen befestigt. Sein Name ist erdichtet und nicht eindeutig auf einen bestimmten Ursprung zurückzuführen. Die Puppe hängt dort bis zur Nacht auf den Aschermittwoch, wo auch er – allerdings nach einem ordentlichen Prozess, in dem ihm seine Sünden vorgehalten werden – unter Tränen und Gejammer verbrannt wird.

Die Obernarren oder wer führt die Jecken an?

Der kösche Karnevalsprinz 2009. Bild: Lorenzo Salvatori

Vom 11. November ab 11.11 Uhr bis zum Aschermittwoch regieren in Köln und Düsseldorf die Prinzen mit ihrem Gefolge die Hochburgen. Seit nunmehr 80 Jahren übernimmt dies in Düsseldorf der Prinz und seine Venetia. Nur neun Jahre jünger ist das Kölner Dreigestirn, das erstmals 1938 offiziell vorgestellt wurde.


Das Düsseldorfer Prinzenpaar entstammt dabei aus dem 17. Jahrhundert, als Anna Maria Luisa de Medici, die Frau des Kurfürsten Jan Wellem, zu einem venetianischen Fest den Held Karneval aus dem Nachbardorf einlud. Unter den Frauen suchte er sich damals seine persönliche Lieblingsdame aus: Die Venetia. Das Prinzenpaar wird bis heute begleitet von einer Leibgarde, der Prinzengarde der Stadt Düsseldorf.


Das Kölner Dreigestirn besteht aus dem Prinzen, dem Bauern und der Jungfrau. Der Bauer symbolisiert die Wehrhaftigkeit der alten Reichsstadt Köln, er steht insbesondere auch für die Befreiung Kölns aus der Macht der Erzbischöfe in der Schlacht bei Worringen. Die Jungfrau mit ihrer Krone symbolisiert die Uneinnehmbarkeit der Stadt Köln, als diese noch von einer halbkreisförmigen Stadtmauer umschlossen war. Auch das Dreigestirn wird von einer Leibgarde begleitet, der Prinzen-Garde 1906 e.V.


Rosenmontagszug oder wie politisch sin mer?

Der Düsseldorfer Rosenmontagszug glänzt durch politische Satire.
Bild: Elisabeth Patzal

Der älteste und größte Karnevalsumzug in Deutschland ist mit Abstand der Kölner Rosenmontagszug. Er hat eine Länge von über sechs Kilometern und zieht alljährlich rund eine Millionen Jecke an den Straßenrand, die alle etwas von den 140 Tonnen Wurfmaterial erhaschen wollen. Dagegen gilt der Düsseldorfer Rosenmontagszug als farbigster und kreativster in der ganzen Republik. Ein besonderes Augenmerk legen die Karnevalisten dabei auf die politischen Wagen, allesamt entworfen von dem Düsseldorfer Bildhauer Jacques Tilly. Seit 1984 entwirft der Künstler die Wagen für Düsseldorf. Sein Motto lautet dabei: „Der Karneval muss kritisch bis zur Schmerzgrenze sein, darf sich nicht von Vorschriften amputieren lassen.“ Dem deftigsten Spott sind dabei unsere Politiker ausgesetzt. Tilly provozierte aber auch schon mal mit einem Motiv, das den Kölner Kardinal Meisner als Inquisitor darstellte. Er ließ den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder blankziehen und die CDU-Chefin Angela Merkel aus dem Po von US-Präsident George W. Bush krabbeln.


Im Jahr 2005 kam es dann in der Brauerei Päffgen zu einem Treffen zwischen Jacques Tilly und Kölns Wagenbauleiter Kuckelkorn. Dabei haben die Kölner versucht, Tilly abzuwerben. Für eine geheime Summe – sie soll im „Michael-Ballack-Bereich“ liegen – sollte der Bildhauer ab sofort für Köln die Wagen bauen. Tilly hat abgelehnt. Ob er während der Verhandlung auch ein leckeres Gläschen Kölsch abgelehnt hat, bleibt offen. Die Kölner haben jedenfalls prompt reagiert und Tilly ab 2006 nicht mehr an der Karnevalsmesse in Köln teilnehmen lassen.

Bewegung im Karneval oder danz Marieche danz!

Getanzt wird sowohl in Düsseldorf als auch in Köln.
Bild: Dieter Haugk

Der wohl bekannteste Kölner Karnevalstanz ist der „Stippeföttcher“. Um den Stippeföttcher zu tanzen, geht man leicht in die Hocke und beugt sich vor. So entspricht dies doch quasi der Ur-Stellung eines jeden Gardisten, der auf einen gleichgesinnten Waffenbruder wartet. Die Kölner (Gardisten) nehmen diese Haltung auf die Schippe, indem sie dabei ihre Hinterteile aneinander reiben.
Weniger parodisierend, dafür umso akrobatischer bewegen sich die Düsseldorfer. Das Radschlagen hat in Düsseldorf jedoch nicht nur im Karneval Tradition. Die landläufige Entstehungsgeschichte geht bereits auf das Jahr 1288, das Jahr der Stadtgründung, zurück. Damals fand die Schlacht von Worringen statt, bei der die Düsseldorfer unter Führung des Grafen von Berg gemeinsam mit Kölner Bürgern gegen die Truppen des Erzbischofs von Köln kämpften. Nach dem Sieg der Düsseldorfer kehrte der Graf mit den siegreichen Truppen nach Düsseldorf zurück. Den am Wege auf ihre Väter wartenden Kindern soll er zugerufen haben: „Jetzt zeigt einmal, wie sehr Ihr Euch freut, dass Eure Väter wieder gesund nach Hause zurückkehren“. Daraus entstand als „Freudendreher“ das Düsseldorfer Radschlagen.

Karnevalslieder oder wat singe mer denn?

Auch vor den Karnevalsliedern macht die Städtefeindschaft keinen Halt. In Düsseldorf besingen die Düssel-Disharmoniker in ihrem Lied „Da schwimmt ne Kölner“ das alljährliche Kölner Hochwasser und „dat dat Wasser von Kölle doch bekanntlich jut sein soll“. Und weiter: ... „ Nit nur dat Huhwasser dät den Kölsche weh, auch die Fortuna und die DEG! Bei jedem Spill versteh'n die kinne Spaß: den FCK und och die Haie mach'mer naß!...“ Wenn man sich den Internetauftritt der Düssel-Disharmoniker ansehen möchte, muss man zuerst eine Auswahl treffen: ist man in Ordnung oder ist man Kölner? Im zweiten Fall gelangt man auf eine Seite, auf der der Kölner Dom warnzeichenähnlich durchgestrichen ist mit der Aufschrift: „Kölner müssen draußen bleiben“. Die Gruppe Alt-Schuss besingt ihr Bier mit den Worten:... „Wo der alte Schloßturm steht, da sind wir zu Haus! Weil es ohne Bier nicht geht, rufen wir Radschläger aus: Ja, sind wir im Wald hier, wo bleibt unser Altbier? Wir haben in Düsseldorf die längste Theke der Welt! Ja ja, ja ja. Ja, sind wir im Wald hier, wo bleibt unser Altbier?...“ Und die Toten Hosen freuen sich in „10 kleine Jägermeister“:... „Acht kleine Jägermeister fuhren gerne schnell, sieben fuhrn nach Düsseldorf, einer fuhr nach Köln. Einer für alle, alle für einen, wenn einer fort ist, wer wird denn gleich weinen? Einmal trifft's jeden, ärger dich nicht,so geht's im Leben, du oder ich.“..

Und so ist es nicht verwunderlich, dass auch die Kölner Karnevalisten „fremdenfeindliche“ Texte schreiben: „Am Aasch vun d’r Welt litt Düsseldorf, et düürste Dorf am Rhing. De längste Thek - doch keine Dom,wä will dann su jet sin? Am Aasch vun d’r Welt litt Düsseldorf, et düürste Dorf am Rhing. Dröm trick et och ne kölsche Fetz no Düsseldorf nit hin“... singen die Kölner Stroßefäjer in ihrem „Düsseldorf-Leed“. „Über Köln da lacht die Sonne, über Düsseldorf die Welt“ behaupten die Paraplüs. Und weiter:.. „Sage mir, wie heisst die Stadt, die leider kein Wahrzeichen hat. Da spielt man gerne große Welt und macht gern aufs große Geld...“. Die drei Colonias haben sich, ähnlich wie die Düsseldorfer Band „Alt-Schuss“, mit dem Bierthema auseinandergesetzt. Genauer gesagt: ähnlich ist nur das Thema Bier – die Geschmäcker selber sind mal wieder völlig unterschiedlich: ... „Altbier mäht blöd, Pils dat mäht bestuss, nur Kölsch hält uns en Schuss." Es muss nicht immer Fremdenhass sein, der in den karnevalistischen Texten verarbeitet wird – ein wenig Lokalpatriotismus ist allemal dabei:... „Dat Hätz vun dr Welt, jo dat es Kölle, dat Hätz vun dr Welt, dat schlät am Rhing. Es och dr Himmel öfters jrau, un et Sönnche schingk jet mau doch die Kölsche han em Hätze Sunnesching.“ (Höhner).

Karneval verbindet – selbst Köln und Düsseldorf

„Alle Jecken sind gleich – nur manche sind gleicher“ könnte das Motto des Kölner, aber auch des Düsseldorfer Karnevals alljährlich lauten. Denn obwohl jede Stadt selbst im Karneval versucht, sich von der anderen abzusetzen, unterscheiden sie sich lediglich in Nuancen.


An Karneval wird gefeiert, getanzt, getrunken und geflirtet. Es wird jebützt, mer ruufe noh „Kamelle“ und „Strüßjer“ und am Aschermittwoch ist auch in Düsseldorf alles vorbei. Der Karneval entstammt dabei einer sehr alten Tradition.


Égalite, Liberté und Fraternité – Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Das sind die Schlagworte der Französischen Revolution und dafür stehen auch die Buchstaben der närrischen Zahl ELF... Dass das nicht nur Schlagworte sind, haben zwei Karnevalsbands unlängst bewiesen: die Düssel-Disharmoniker und die Kölner Stroßefäjer haben für uns das Lied der jeweils anderen Band eingesungen und damit nicht nur eine große Portion Humor gezeigt, sondern auch eine Brücke geschlagen zwischen den beiden großen (Karnevals-) Hochburgen am Rhein.


Büttenrede

Eine Büttenrede für ein freundschaftliches Miteinander der Kölner und Düsseldorfer Narren.
In diesem Sinne: Helaaf!