Immer wieder montags

Mit dem RE5 von Düsseldorf nach Köln

„Regionalexpress 5 von Emmerich nach Koblenz über Duisburg, Düsseldorf, Köln, fahrplanmäßige Abfahrt 7 Uhr 58, hat voraussichtlich 15 Minuten Verspätung“, tönt es blechern aus dem Lautsprecher über mir. Die monotone weibliche Stimme ist mir mittlerweile vertraut und oft ertappe ich mich dabei, wie ich mir die dazugehörige Dame in ihrem kleinen Raum irgendwo im Bahnhof vorstelle.


Es ist Montagmorgen und ich möchte von Düsseldorf, wo mein Freund wohnt, nach Köln, in meine Heimatstadt. Die Hetzjagd der vergangenen Stunde spult sich noch einmal in Sekundenschnelle vor meinem geistigen Auge ab. Der halb leer getrunkene Kaffee, das fluchtartige Verlassen des Hauses und der zügige Marsch Richtung Bertha-von-Suttner-Platz, dem Hintereingang des Düsseldorfer Bahnhofs, der laut der Deutschen Bahn „das Tor zur Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens“ ist. Weder der Haupt- noch dieser Hintereingang vermitteln einen derartigen Eindruck. Wie immer an einem Montagmorgen reihen sich ein paar Taxen aneinander, es herrscht ein Kommen, Ausladen und Weiterfahren, hier und da von einem mehr oder weniger freundlichen Hupen begleitet. Ein Pulk von anzugtragenden Trolley-Besitzern steht vor dem Bahnhofseingang. Ihre Weiterreise hängt anscheinend von ein paar Rauchern unter ihnen ab, die vor den Aschenbechern stehen. Noch bevor die Zigaretten ausgedrückt werden und sich der Trupp in Bewegung setzen kann, erreiche ich vor ihnen den DB-Kassenautomaten.

Regionalexpress 5
Foto: Wikipedia

Ein Berliner Imbiss im Bahnhof Düsseldorf

Auf dem Bahnsteig wird es langsam voll. Eine junge Frau mit Coffee-To-Go und schwarzem Handtäschchen sucht ein Stück freien Steig zum Warten, eine ältere Dame wühlt in ihrem Handgepäck, ein junger Mann fragt die Wartenden nach Kleingeld. Der „Berliner Imbiss“ auf dem Bahnsteig gegenüber hat auch schon auf. Würstchen gibt es hier und belegte Brötchen, Kaffee läuft aber allem Anschein nach besonders gut.


„Auf Gleis 15 fährt ein: Regionalexpress 5 von Emmerich nach Koblenz, über Duisburg, Düsseldorf, Köln, planmäßige Abfahrt 8 Uhr 58. Der Zug hat wegen Störungen im Betriebsablauf derzeit 15 Minuten Verspätung.“ In die wartende Menge kommt langsam Bewegung. Die einen laufen ein Stück näher in Richtung Gleis, andere ein Stück den Bahnsteig entlang, als wollten sie dem nahenden Zug entgegeneilen. Langsam und unter Quietschen kommt der doppelstöckige RE5 zum Stehen und auch die zukünftigen Passagiere haben sich bereits lauernd in Position gebracht. Es ist eigentlich jedes Mal dasselbe Schauspiel: Schnell wird der nächstmögliche Einstieg ausgemacht, dann geschaut, ob es oben oder unten potentielle Sitzplätze gibt. Sitzplätze sind nun mal ein knappes Gut. Und so beobachte ich auch an diesem Morgen den einen oder anderen Menschen, der mit angespanntem Gesicht ungeduldig vor dem Einstieg darauf wartet, schnell auf Sitzplatzsuche gehen zu können.


Der kräftige, schwarzhaarige Mann mit dem braunen Lederkoffer und dem lethargischen Gesichtsausdruck steht ganz vorne und stürmt sofort ins Innere, sobald sich die ältere Dame mit dem Minihund in ihrer Handtasche mit Mühe und Not an ihm vorbei und aus der Bahn gequetscht hat. Merkwürdig, selbst die anscheinend lahmsten Gemüter werden zu wahren Energiebündeln, wenn es um einen heiß begehrten DB-Sitzplatz geht. Was könnte man solch unentspannten Menschen raten? Eventuell Meditation. Gibt es da was Entsprechendes im Handel? Zum Beispiel „Entspannt Bahn fahren" oder so ähnlich? Vielleicht habe ich gerade eine Marktlücke entdeckt. Bevor ich weiter über meine Geschäftsidee nachdenken kann, darf auch ich einsteigen. Und obwohl ich ganz hinten in der Schlange stand, finde sogar ich einen Sitzplatz. Zwar muss ich die Tasche auf meinem Schoß abstellen, aber für 30 Minuten dürfte das auszuhalten sein.

„Ich bin in der Bahn“

Viele Reisende brauchen zwei Plätze, einen für sich selber und den anderen für ihre Plastiktüte. Es ist interessant zu beobachten, wie sie reagieren, wenn jemand sie bittet, sich auf den Tütenplatz setzen zu dürfen. Einmal habe ich miterlebt, wie ein Tütenbesitzer, der zuvor unwillig Platz gemacht hatte, nun während der Fahrt übereifrig mit seiner Tüte beschäftigt war. Auf dem Platz neben sich hätte er sie bestimmt links liegen gelassen. Wer mit der Bahn reist, lernt überhaupt sehr viel über die Mitreisenden. Der laute Geschäftsmann, der seinem Kollegen mitteilt, dass sein Auto liegen geblieben ist und der Zug Verspätung hat, die junge Frau, die ihre Beziehungsprobleme in einem schrillen Tonfall mit der Freundin diskutiert. Und natürlich der Klassiker zu Beginn jedes Telefonats, das obligatorische „Ich bin in der Bahn!“. Wer versehentlich seinen iPod oder MP3-Player zu Hause vergessen hat, wird Ohrenzeuge unterschiedlichster Szenarien und häufig habe ich zwischen Düsseldorf und Köln weitaus mehr über eine Person erfahren, als mir lieb war.


Vor dem Düsseldorfer Hauptbahnhof
Foto: Axel Boesten

„Nächster Halt: Düsseldorf-Benrath, Ausstieg in Fahrtrichtung links", tönt es vollautomatisch aus den Lautsprechern. Eine Hand voll Leute steigen in Benrath aus. Von Weitem sehe ich den Zugbegleiter, einen kleinen, kräftigen Herrn mit Brille und kurzem blondem Stoppelhaarschnitt. Den kenne ich doch. Die Art, wie er sich gebieterisch zu dem Fahrgast hinunterbeugt und danach emsig in seinen Handcomputer tippt, aufschaut, um anschließend energisch auf die Person einzureden. Einmal wollte genau dieser Typ mir 40 Euro abknöpfen, weil ich in gutem Glauben aus einem völlig überfüllten Zweite-Klasse-Wagon in die erste Klasse ausgewichen war. Mein Einwand, es sei doch weit und breit kein Erste-Klasse-Fahrer zu sehen, dem ich den Platz streitig machen würde, brachte sein rundes Gesicht zum Glühen. Da mir 40 Euro weitaus mehr wert sind, als zehn Minuten in einem sauberen Erste-Klasse-Abteil, versuchte ich es auf die altbekannte Tour und erzählte ihm, ich sei Studentin und die 40 Euro würden ein nicht zumutbares Loch in meine Haushaltskasse reißen. Er ließ von mir ab, nicht aber ohne vorher noch einmal lauthals zu verkünden, das sei das allerletzte Mal und ich hätte Glück, einen wie ihn anzutreffen. Machtbewusst und beflügelt stiefelte er von dannen.

Zwischen Düsseldorf und Köln

Leverkusen-Mitte. Ein hässliches Fleckchen Erde, jedenfalls das, was man von der Bahn aus sehen kann. Auch wenn Leverkusen versucht die architektonischen Todsünden der 70er Jahre zu beseitigen und dafür sogar das eigene Rathaus abgreissen hat: Die Chemie-Metropole versprüht soviel Charme wie ein neonbeleuchtetes Großkaufhaus. Die billige rot-gelbe Leuchtreklame eines China-Imbisses und der öde Busbahnhof machen diesen Ausblick nicht gerade zu einem Highlight der Strecke. Und obwohl ich in Opladen – einem Stadtteil von Leverkusen – aufgewachsen bin, habe ich hier in „Mitte“ noch nie einen Funken von Heimatgefühl verspürt.


Vorbei am Bayerwerk, nähern wir uns dem Kölner Stadtteil Mülheim. Der Zugbegleiter erkennt mich nicht wieder und hat zudem heute keinen Grund zur Beanstandung, aber der junge Mann gegenüber kommt weniger gut weg. Er ist Student, möchte wie ich von Düsseldorf nach Köln und hat vergessen, dass er trotz Studentenausweis bis Langenfeld hätte nachlösen müssen. Alle Versuche, Stoppelbacke von seiner Unschuld zu überzeugen, schlagen fehl. Und so kann der uniformierte Unhold an diesem Morgen wieder mal einen Erfolg für sich verbuchen.


Der Haupteingang des Kölner HBF
Foto: Sven Prinzler

Der Zug hält in Köln-Mülheim, nur wenige Personen verlassen ihn. Die Fahrt geht weiter, in einige Sitzreihen meines Abteils kommt Bewegung. Zwei Reihen vor mir nimmt ein kahlköpfiger Mann seinen sandfarbenen Trenchcoat vom Haken, ein anderer Mann im schwarzen Anzug legt seine „Süddeutsche“ zusammen und packt sie in das Seitenfach seiner Laptop-Tasche. Einige Leute stehen schon auf der Treppe zum Ausstieg und lauschen der Durchsage: „Nächster Halt: Köln-Messe/Deutz. Next stop: Cologne Tradefair Deutz.“ Der Zug rollt ein, hält und ich sehe, wie ein Großteil der Ausgestiegenen in Richtung U-Bahn sputet. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viele Menschen tagein, tagaus zwischen Düsseldorf und Köln pendeln, denke ich, während der Zug langsam weiterrollt. Aus welchen Gründen ziehen diese Leute nicht nach Köln? Ich persönlich fühle mich ja in beiden Städten wohl... aber, ganz ehrlich, zu meinem Freund nach Düsseldorf ziehen, das wär schon irgendwie komisch! Wer weiß, vielleicht ist die Skepsis bei den Düsseldorfern ja genauso groß?
Spontan muss ich an ein Gespräch mit einem Düsseldorfer Pendler denken, der von seinen Kölner Arbeitskollegen gemobbt wird. Er hat die Erfahrung gemacht, dass Möchtegern-Kölner und Vorstädter – erkennbar an den KFZ-Kennzeichen BM, SU und GL – beim Sprücheklopfen die Nase vorn haben. (Auch dem Kölner sind die Wochenend-Invasionen und albernen Junggesellenverabschiedungen der „Imis“ häufig ein Dorn im Auge. Sind am Ende gar nicht die Düsseldorfer und Kölner diejenigen, die die alten Streitigkeiten immer wieder aufs Neue anzetteln?)


Auf der Hohenzollernbrücke kommt der Zug plötzlich zum Stehen. „Sähr verährde Fohrgäste. In Körzze erröischen wür Köln Häuptbahnhöf. Leidör kömmt es zü Pröblemen bei där Gleisvergahbe. Vön döhär wörd sich die Ankünft üm einige Minüden vährzögern.“ Zwei Mädchen auf der Treppe lachen laut, die Frau, die mir schräg gegenüber sitzt, grinst mir zu. Im gesamten Abteil verstreute Lacher, einige verhalten, die anderen unkontrolliert laut. Der sächselnde Zugführer hat, ohne es zu wollen, in nullkommanix gute Stimmung verbreitet. Wenig später meldet er sich wieder zu Wort, diesmal, um die unmittelbare Ankunft durchzusäuseln. Während der RE5 langsam in den Hauptbahnhof einfährt, stelle ich mir die vollen Bahnhofshallen vor, die vor den Anzeigetafeln stehenden Menschen und die riesige Fensterfront des Haupteinganges mit Blick auf den Dom. Die Türen öffnen sich und beim Herausgehen nehme ich noch kurz die angespannten Gesichter der Wartenden wahr, die sich in Kürze auf die freigewordenen Zweite-Klasse-Sitze stürzen werden. „Willkommen auf dem Nichtraucherbahnhof Köln. Ihre weiteren Reisemöglichkeiten...“