Mahnmale der Homosexuellen-Bewegung

Auch der Regenbogen hat eine Geschichte

Im Rheinland ist man gerne tolerant. Besonders der Kölner ist stolz auf die Offenherzigkeit seiner Vaterstadt. Aber, Pink Monday und Christopher Street Day hin oder her, die Toleranz hat eine Vergangenheit. In Düsseldorf und in Köln.


Zugegeben, die Rheinkulisse der Kölner Altstadt ist bezaubernd. So bezaubernd, dass man vor lauter Verträumtheit schnell Gefahr läuft, mit einem der vielen Fahrradfahrer zusammenzustoßen. Oder das „Rosa Winkel-Mahnmal“ zu übersehen, das an die Verfolgung der Homosexuellen im Nationalsozialismus erinnern soll.

Der Regenbogen im Schatten des Nationalsozialismus

Fast 40 Jahre lang wurde die Verfolgung homosexueller Frauen und Männer im Nationalsozialismus in Deutschland totgeschwiegen. Sowohl im Osten als auch im Westen bekannte sich bis 1985 niemand zu den homosexuellen Opfern des NS-Terrors. Richard von Weizsäcker machte in seiner berühmten Rede zum 8. Mai 1985 schließlich den ersten Schritt: „Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer religiösen oder politischen Überzeugung willen sterben mussten.“ 1994 wurde als erstes Mahnmal für die im Nationalsozialismus umgekommenen Homosexuellen der „Frankfurter Engel“ errichtet. Köln folgte ein Jahr später mit dem „Rosa Winkel“.

„Totgeschlagen und Totgeschwiegen“

Inschrift des „Rosa Winkels“. Foto: Inga Laas

Der „Rosa Winkel“. Foto: Inga Laas

So lautet die Inschrift des Denkmals, das eine geometrische Figur aus rosa und grauen Granitblöcken bildet. Ein Wechselspiel aus Licht und Schatten stehe stellvertretend für „Teile einer Gesellschaft. Männer, Frauen. Lesben, Schwule, einander bedrückend, sich aneinander reibend, ineinander aufgehoben, sich bedingend. Weitere Interpretationen überlasse ich dem Betrachter“, so erläutert der verantwortliche Künstler Achim Zinkann sein Werk. Der „Rosa Winkel“ stigmatisierte im Nationalsozialismus die homosexuellen Häftlinge in den Konzentrationslagern. Später machte die Schwulenbewegung den „Rosa Winkel“ zu ihrem internationalen Symbol, das irgendwann durch die Regenbogenflagge ersetzt wurde.


Die Inschrift soll aber nicht nur an das nationalsozialistische Unrecht bis 1945 erinnern, sondern auch mahnend die mangelhafte Entschädigungspolitik danach ins Gedächtnis rufen. Denn in der Bundesrepublik Deutschland galt nach wie vor der §175 des StGB, auf den sich auch die Nazis berufen hatten, um Schwule und Lesben zu verfolgen und zu inhaftieren. Homosexualität blieb damit weiterhin eine Straftat. So wurden in den ersten 15 Jahren der Bundesrepublik mehr als 100.000 Ermittlungsverfahren wegen Verstößen gegen den §175 eingeleitet. Außerdem hatte das Fortbestehen des Gesetzes zur Folge, dass den überlebenden schwulen NS-Opfern eine Entschädigung verwehrt blieb.
Das Mahnmal wurde fast ausschließlich aus Spenden finanziert - insgesamt kamen dabei fast 16.000 € zusammen. Die Firma Colonia sponserte das Spezialfahrzeug für die Aufstellung, und das Betonfundament wurde durch das Straßenbauamt gegossen.


Seine Lage zwischen Dom, Rheinufer und Museum Ludwig ist bewusst wegen des historischen Bezugs gewählt worden: Hier befand sich bis zu ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg eine „Klappe“ - eine öffentliche Toilette. Solche Orte waren im Nationalsozialismus und auch später die einzige Möglichkeit für Homosexuelle, Gleichgesinnte zu treffen, ohne sich dem Risiko auszusetzen, im bürgerlichen Leben als schwul erkannt zu werden. In den Nachkriegsjahren wurden die im Krieg zerstörten Treppentürme der Hohenzollernbrücke zum heimlichen Treffpunkt umfunktioniert.

Es geschah am helllichten Tag

1966 wurde bei einer Razzia, die präventiv gegen Sittlichkeitsverbrechen wirken sollte, der damalige Kölner CDU-Regierungspräsident Franz Grobben in einer solchen „Klappe“ erwischt, die direkt vor dem damaligen Polizeipräsidium am Waidmarkt stand. Kurze Zeit später trat er von seinem Amt zurück - aus gesundheitlichen Gründen, wie er selbst angab. Heute erinnert sich kaum jemand mehr daran - aber die Kölner sind ja auch nicht nachtragend.

Gegen den Strom

Denkraum. Foto: Inga Laas

Denkraum. Foto: Inga Laas

Wer vom Mahnmal aus rheinaufwärts geht, gelangt zur Markmannsgasse, dem so genannten „Kalten Eck“ von Köln. Weil heute nichts mehr totgeschwiegen werden oder in Vergessenheit geraten soll, hat der Berliner Künstler Tom Fecht in Zusammenarbeit mit der Deutschen AIDS-Stiftung hier Ende der 90er Jahre die Installation „Denkraum - Namen und Steine“ geschaffen. In den Boden eingelassene Steine tragen die Namen, Spitznamen oder Pseudonyme von verstorbenen AIDS-Kranken. Fecht verwendete ausschließlich die Namen, unter denen die Verstorbenen in ihrem Umfeld bekannt gewesen waren - auch wenn das gelegentlich hieß, bürgerliche Namen durch anonyme Spitznamen zu ersetzen.


Der Grundstein des Projektes war 1992 anlässlich der documenta IX in Kassel gelegt worden. Sechs Jahre später begründete die Installation auf dem Kölner Heumarkt das Projekt „Memoire Nomade - Namen und Steine“, dem sich bis heute unzählige weitere Städte angeschlossen haben. Etwa 17.000 Steine wurden mittlerweile europaweit installiert.

Düsseldorfer Dreizeiler

Auch die Landeshauptstadt Düsseldorf wollte ein Zeichen setzen: Auf dem Burgplatz wurde im Jahr 2000 - ebenfalls von Tom Fecht - ein weiterer Denkraum geschaffen: der „Dreizeiler“. Hier tragen drei Reihen Großpflastersteine die Namen Düsseldorfer Bürger und Bürgerinnen sowie einiger Prominenter, die an den Folgen von Aids verstorben sind.
Bewusst wurde ein Platz mitten im Herzen der Stadt gewählt. Alle zwei Jahre erweitert der Künstler die Denkräume in beiden Städten um die Namen weiterer Aids-Opfer - eine traurige Bürde, die beide Städte gleichsam tragen müssen.

Lichthof mit Stele in Köln

„Auch das Feuer seht, nicht nur das fallende Laub, wenn der Sommer geht“. Mit diesen Worten erinnert eine Stele an die Opfer von AIDS. Sie wurde 1994 im ehemaligen Friedhof der Kölner Kirche St. Maria im Kapitol, dem heutigen Lichthof, errichtet. Anlässlich des Christopher Street Days wird hier jedes Jahr im Gedenken an die Verstorbenen eine Zeremonie abgehalten.

Ein Platz bekommt seinen Namen

Der Text auf der Stele. Foto: Inga Laas

Gedenkstele. Foto: Inga Laas

Einer von denen, die unter ihrem Spitznamen bekannter waren als unter dem offiziellen, war Jean-Claude-Letist, ein „Multi-Funktionär“ der Schwulenszene. Im Aktivisten- und Freundeskreis wurde er „Gutemine“ genannt. Kein Stein, sondern ein Platz hat ihm seinen Namen zu verdanken. Mitten in der Kölner Innenstadt, im beliebten Belgischen Viertel, liegt ein kleiner Platz mit schönen Bäumen. Bis zum 18. Mai 2000 noch ohne Namen, beschloss die Stadt Köln, in Erinnerung an „Gutemine“ dem Platz seinen Namen zu geben. Allerdings berief man sich hier lieber auf den offiziellen Namen, und so heißt er heute „Jean-Claude-Letist-Platz“.


Gedenkräume, Gedenkstätten und Denkmäler sollen ja, wie der Name schon sagt, zum „Gedenken“ einladen. Leider hat eine Denkraum-Installation in der Markmannsgasse, die eigentlich eine Ein- und Ausfahrt ist, ebenso wenig Würde, wie sie Raum und Ruhe gibt.
Bei einem mit Kaugummi und diversen Autogrammen beschmutzten Denkmal inmitten der Parkbänke von Kölns Rheinpromenade muss man sich auch nicht wundern, dass das Denkmal trotz der rosa Farbe niemanden auffällt. Auch wenn Deutschland Denkmalpflege gerne groß schreibt, im Kleinen sieht es dann doch wieder anders aus.


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