Erfahrungen einer afrikanischen Studentin

Brief nach Hause


Mein Name ist Marie. Ich kam vor sechs Monaten von der Elfenbeinküste nach Köln, um hier zu studieren. Wenn ihr mehr über mich erfahren wollt, klickt auf das Audio.




Hallo mein Schwesterherz,


Vor der FH. Foto: Benjamin Sehring

tausende Kilometer trennen mich von Dir, trennen Afrika von Europa, doch hoffe ich, dass mein Brief diese Entfernung überwindet und Dich bald erreicht. Es ist schon eine beträchtliche Zeit vergangen, seitdem ich euch verlassen habe und nach Deutschland gegangen bin. In dieser Zeit habe ich allerlei erlebt, von dem ich Dir unbedingt erzählen muss. Wie Du Dir ja sicherlich denken kannst, ist hier einiges anders als bei uns an der Elfenbeinküste.


Viele Dinge sind ungewohnt hier, musst Du verstehen – und nicht nur das Wetter. Dazu habe ich mittlerweile den leisen Verdacht, dass ich mich wohl im verrücktesten Teil Deutschlands befinde, dem so genannten Rheinland. Durch dieses Gebiet zieht ein großer Fluss, der dem Land auch seinen Namen verleiht. Es ist der Rhein. Zwei große Städte werden durch ihn getrennt. Zwei verfeindete Städte: auf der einen Seite Köln und auf der anderen Düsseldorf.


Du fragst Dich sicherlich, warum eine Feindschaft zwischen beiden Städten existiert. Und gerne würde ich dir Gründe nennen – könnte alles doch so einfach sein. Aber weder beten beide Städte unterschiedliche Götter an oder kämpfen um Bodenschätze, noch hat eine Stadt der anderen eine Jungfrau entführt und gibt diese nicht mehr heraus. Nein, Schwester, das sind nicht die Gründe. Die wahren Ursachen für diesen Konflikt sind auch hier nur den Wenigsten bekannt. Sie liegen wahrscheinlich schon sehr, sehr lange zurück.


Nach logischen Erklärungen sucht man in diesem Teil Deutschlands sowieso sehr oft sehr vergeblich. Stell Dir vor, ich fahre hier mit der Bahn zu meiner Universität und immer gucken die Menschen ernst, ja fast versteinert ins Leere. Und dann – wie ein Blitz aus heiterem Himmel – küssen Dich dieselben Menschen auf die Wange, schreien in Köln „Alaaf“ und in Düsseldorf „Helau“ und verkleiden sich als Affen oder Polizisten. Ob sie das tun, um einem Gott zu huldigen oder ihren Schutzmännern Ehre zu erweisen? Ich weiß es nicht, und wie ich es schon andeutete, bin ich damit nicht alleine.


Lecker Kölsch. Foto: Benjamin Sehring

Aber die Menschen aus dem Rheinland haben Spaß. Mir kam das anfangs alles sehr merkwürdig vor und Spaß empfand ich eher weniger. Doch dann bekam ich den Tipp, am besten alle fünf Minuten ein schäumendes Getränk zu mir zu nehmen. Dann würde ich viel leichter Spaß empfinden. Und – Du wirst es nicht glauben – es hat gewirkt. In Düsseldorf nennt man dieses Getränk „Alt“ und es hat eine dunkelbraune Farbe. Hingegen ist es in Köln gelblich, wird in dünnen Gläsern angeboten und „Kölsch“ genannt.


Die Städte selbst scheinen das Getränk der jeweils anderen Stadt nicht zu kennen. Zumindest bekommt man keine Antwort, wenn man in Köln ein „Alt“ verlangt. Stattdessen nur ein Achselzucken oder andere Zeichen mit den Händen, die mir nicht bekannt sind.


Doch auch wenn die Menschen dann einmal antworten, kann man sie oft nicht verstehen. Zwar verstehe ich die deutsche Sprache mittlerweile sehr gut, doch viele der Rheinländer scheinen mit vollem Mund zu reden. Dieses mit-vollem-Mund-Reden wird hier Platt oder kölscher Dialekt genannt. Es scheint eine alte Tradition zu sein, allerdings pflegen auch fast nur noch ältere Einwohner diese Sitte.


Manchmal zweifle ich aber auch an meinem Verstand oder zumindest an meinem Deutsch-Wörterbuch. Da bin ich doch eines Abends in einem Restaurant und sehe auf der Karte im Angebot einen „Halven Hahn“. Das Wasser lief mir schon im Mund zusammen, als ich bestellte. Hmmm, ein leckeres und saftiges Hähnchen stellte ich mir in meiner Naivität vor. In der knallharten Realität bekam ich ein trockenes Käsebrot. Ich dachte anfangs, es wäre nur die Vorspeise, bevor mich die Bedienung aufklärte.


Der Halve Hahn. Foto: Benjamin Sehring

Naja gut, was soll man von Menschen erwarten, deren Hobby es ist, andere Menschen zu beobachten, wie sie auf hartem Wasser einen Stein schlagen. Ja, Du hast richtig gehört. Zwei Stämme, die jeweils verschiedene Trachten tragen, treffen sich auf gefrorenem Wasser, um einen etwa faustgroßen Stein mit Holzstöcken zu schlagen. Auf Schuhen, unter denen Messer befestigt sind, laufen sie dem Stein und dem Gegner hinterher. Das scheint den Menschen hier viel Freude zu bereiten, zumindest schauen immer sehr viele Einheimische dem Treiben zu. Jede Stadt hat eine Auswahl, die die Messer-Schuhe tragen dürfen. Natürlich auch Köln und Düsseldorf.


Trotzdem hoffe ich, Dir mit meinen Erzählungen keine Angst gemacht zu haben. Denn Angst muss man vor den Bewohnern des Rheinlandes wirklich nicht haben. Alles in allem sind sie ein sehr friedfertiges und vor allem lebensfrohes Volk. Ihre Bräuche und Sitten kommen Dir – wie auch mir – sicherlich eigentümlich und befremdlich vor, doch handeln die Rheinländer mit solch einer Selbstverständlichkeit, die einen leicht darüber hinwegsehen lässt, dass sie gar nicht wissen, warum sie dieses und jenes tun.


Ich hoffe, Dich bald im Rheinland zu sehen!


Deine Marie